Stubenabend mit Stefan Eisenbarth u. Annette Jung
Zwischen Afrika und Europa – Faszinierende Einblicke in die Welt der Weißstörche
Der Weißstorch gehört zu den Tieren, die uns Menschen seit jeher besonders vertraut sind. Mit seinem schwarz-weißen Gefieder, den langen roten Beinen und seinem charakteristischen Schnabel ist er aus unserer Landschaft kaum noch wegzudenken. Dass dies nicht immer so war und welche beeindruckende Arbeit hinter der Rückkehr des Weißstorchs steckt, erfuhren die Besucherinnen und Besucher beim Stubenabend am 7. August. Mit Stefan Eisenbarth, ehrenamtlicher Storchenbetreuer der Vogelwarte Radolfzell und Fachbeauftragter für Weißstörche beim NABU-Landesverband Baden-Württemberg, und Annette Jung, die sich ebenfalls seit vielen Jahren der Storchenbetreuung widmet, hatte der Heimatverein zwei ausgewiesene Kenner der Tiere zu Gast.
Die beiden Referenten nahmen die Zuhörer mit auf eine Reise in die faszinierende Welt von „Meister Adebar“. Dabei wurde deutlich, dass die heute wieder zahlreichen Störche in unserer Region keineswegs selbstverständlich sind. 1975 gab es in ganz Baden-Württemberg gerade einmal 15 Brutpaare. Ein 1980 gestartetes Wiederansiedlungsprogramm und vor allem das langjährige Engagement vieler ehrenamtlicher Storchenbetreuer haben wesentlich dazu beigetragen, dass sich der Bestand eindrucksvoll erholen konnte. Heute weist Baden-Württemberg die höchste Storchendichte Deutschlands auf.
Wie viel Arbeit hinter dieser Erfolgsgeschichte steckt, wurde im Verlauf des Abends eindrucksvoll deutlich. Allein im Betreuungsgebiet zwischen Iffezheim und Rheinstetten wurden 2026 rund 100 Weißstörche gezählt. 15 Brutpaare brachten in diesem Jahr insgesamt 110 Jungstörche hervor.
Besonders anschaulich berichteten Eisenbarth und Jung über die Aufzucht der Jungstörche. Nach rund 33 Tagen Brutzeit schlüpfen die Küken mit einem Gewicht von gerade einmal etwa 80 Gramm. Innerhalb von nur acht Wochen entwickeln sie sich zu flugfähigen Jungvögeln mit einem Gewicht von rund dreieinhalb Kilogramm.
Doch der Storchenalltag ist keineswegs idyllisch. Die extreme Trockenheit in diesem Sommer erschwerte die Nahrungssuche erheblich. Viele Jungstörche waren deshalb untergewichtig. Auch anhaltender Regen kann für die Jungtiere lebensbedrohlich werden, da sie schnell auskühlen.
Ein weiterer Schwerpunkt war die wissenschaftliche Begleitung der Störche. Seit vielen Jahrzehnten werden die Tiere beringt und zunehmend auch mit Sendern ausgestattet. Die dabei gewonnenen Daten helfen, das Verhalten und die Gefährdungen der Tiere besser zu verstehen. Denn die Überlebenschancen sind gerade im ersten Lebensjahr keineswegs selbstverständlich: Rund 70 Prozent der Jungstörche erreichen ihr zweites Lebensjahr nicht.
Auch über die Herausforderungen, die die Rückkehr der Störche mit sich bringt, wurde offen gesprochen. Störche sind ausgesprochen horsttreu und kehren immer wieder zu ihren angestammten Nistplätzen zurück – selbst dann, wenn ein Nest entfernt wurde. Große Horste können dabei ein beträchtliches Gewicht erreichen und auf technischen Anlagen sogar zu einem Problem werden. Professionelle Nisthilfen sind deshalb manchmal unverzichtbar.
Besonders nachdenklich stimmten die Berichte über Gefahren durch menschlichen Abfall. Auf Müllhalden suchen Störche nach Nahrung und können dabei Unrat aufnehmen. In diesem Jahr mussten bereits Jungstörche geborgen werden, die große Mengen Gummi im Magen hatten. Solche Beispiele machten deutlich, wie eng der Schutz der Tiere mit einem verantwortungsvollen Umgang des Menschen mit seiner Umwelt verbunden ist.
Der Abend vermittelte damit weit mehr als interessante Fakten über einen bekannten Vogel. Er zeigte, wie verletzlich die Natur trotz erfreulicher Bestandsentwicklung sein kann – und welche Bedeutung das Engagement von Menschen hat, die sich ehrenamtlich für den Artenschutz einsetzen.